Google Street View – Deutschlands neuestes Armutszeugnis

Verfasst von Lars am 19. Aug 2010 | 6 Kommentare

Eigentlich wollte ich mich ja einem anderen Thema widmen, doch die Ereignisse der letzten Tage ließen auch meine Finger nicht wirklich ruhig. So müsst ihr jetzt wohl oder übel den zweiten Beitrag zum Thema Google Street View hier auf Blogszene ertragen. Andreas hatte am Montag ja schon die Debatte um Google Street View kurzerhand zum Thema der Woche erklärt, letztendlich hat mich das dann auch dazu gebracht, ein paar Zeilen zu dem Thema zu verfassen.

Die Provinz, die Politiker und die Bürgerinitiativen

Mir kommt die Situation momentan doch schon sehr obskur vor. Da haben wir hetzende Provinzpolitiker, welche ihren mit Halbwissen gefütterten Gedanken in aller Öffentlichkeit Ausdruck verleihen, nur um sich irgendwie in das Bild der Öffentlichkeit zu drängen. Man sehe sich nur ein Exemplar dieser Gattung an. Da gibt es z.B. den Datenschutzbeauftragten der Stadt Hamburg – Caspar-, welcher schon im Mai erfolgreich den Stopp der Street View Autos in Hamburg erzielt hatte und nun wieder nicht stillhalten kann und erneut vehement auf den Dienst von Google eindrescht. Langsam habe ich bei dem Herrn Caspar das zarte Gefühl, der Herr führt einen persönlichen Feldzug im Dienste unaufgeklärter Bürger gegen Google Street View, um sich so gut es geht in das Bild der Öffentlichkeit zu drängen und für eine etwaige Wählerschaft Partei zu ergreifen.

BerlinWeiter gibt es die Fraktion der Bürgerinitiativen, welche vom Alter geplagt und träumend aus vergangenen Tagen der 68er wiederauferlebt, jetzt versucht, an alte Zeiten anzuknüpfen. Es sind genau die, mit perfekt getrimmten Vorgärten und rechtwinklig angeordneten Blumenbeeten aus Formen bestehend, bei dem selbst jeder Mathelehrer vor seinen Pennälern ins Schwärmen gerät. Am deutlichsten ist mir immer noch das Bild von einer Bürgerinitiative, die sich vor ihrem Haus hat ablichten lassen. Freudig strahlend darüber, endlich einmal Gehör zu finden, doch ohne sich dessen bewusst zu sein, dass eine Ablichtung ihrer selbst vor dem eigenen Haus und die Verwendung ihrer Namen zu einem ähnlich schnellen Ergebnis führen würde. Wenn man, ja wenn man überhaupt wissen wolle, wer die Damen und Herren denn sind, wo sie wohnen und welche Telefonnummern sie besitzen.

Die Farce des Journalismus

Zudem sehen wir auch eine Presse, die gespalten ist zwischen der Frage nach Persönlichkeitsrechten für Häuserfassaden und 20 Millionen von Überschwemmung bedrohter Menschen in Pakistan. Nun ist es so, dass die Presse über die Dinge schreibt, welche Ihre Leserschaft interessiert und nicht – wie es eigentlich sein sollte- über Dinge, die ihrer Meinung nach wichtig für eine Aufklärung wären. So war es auch absehbar, dass sich gerade Deutschlands bekanntestes Blatt (mit den vier großen Buchstaben), wie eine wildgewordene Herde Geier über das ihnen vorgeworfene Stück Aas Namens Google Street View stürzte und versuchte, aus jedem Stück Profit zu schlagen. Bedenkt man, dass es gerade dieses Blatt war, welches die detaillierten Todesbilder der Love Parade von Duisburg zeigte, ist es genau dieses Blatt, welches sich jetzt über eine Verletzung des Rechts auf Persönlichkeit für Häuserfassaden brüskiert und wiederrum die aus Halbwissen bestehende Prominenz, sowie Bürger zu Wort kommen lässt, aus welchen Gründen sie ihr Haus verpixeln lassen. Wiederrum absehbar und teilweise verständlich (sofern man sich der Degeneriert- & Einfachheit vieler deutschen Bürgers bewusst ist), war die Tatsache das sich jedes noch so kleines Provinzblatt über diesen bösen Dienst von Google ausließ, ohne dabei auch nur ein Stück Aufklärung zu betreiben. Liest man sich die Artikel durch und achtet auf etwaige Leser- oder Artikelkommentare, stellt man ziemlich schnell fest, dass ein Großteil der Kommentatoren schlichtweg keine Ahnung von dem Dienst an sich hat oder sich und ihre, für den normalen Nutzer von Street View völlig irrelevante Daseinsberechtigung, viel zu ernst nehmen. Die Angst, die Ansicht ihrer Häuserfassade steigere die Gefahr von Einbrüchen, ist ebenso sinnfrei, wie die Annahme, man würde beim Sonnenbaden im eigenen Garten live abgelichtet.

Der Wandel eines Problems

Lag am Anfang noch das Problem in der Bereitstellung der Bilder im Internet, wandelt sich das Bild allmählich hin zu dem Thema globalerMünchenDatenmissbrauch seitens Google. Ich kann verstehen, wenn einige Menschen bei mit der Tatsache, dass Google Mengen von Daten sammelt, verunsichert sind. Jedoch gilt dieses Faktum als gesondert zu betrachten, denn Google sammelt – im Gegensatz zu Plänen der Bundesregierung – keine personenbezogenen Daten. Und der einzige Grund der Datensammlung seitens Google zielt darauf hinaus, den Nutzern der Dienste von Google ein verbessertes und direkt auf sie angepasstes Portfolio an Werbung zu unterbreiten. Denn im Endeffekt ist Google nichts anderes als ein Unternehmen und wie jedes andere Unternehmen ist es auch Google Ziel (man möge es ihnen verzeihen), Gewinn zu erwirtschaften.

Zudem sammelt jeder im Internet befindliche Dienst Daten seiner Besucher und Nutzer. Die einen mehr, die anderen weniger, aber immer mit dem Ziel, die eigenen Inhalte genauer auf ihre Zielgruppe auszurichten.

Ein Vorreiter im Dunkeln

Als positiv zu bewerten gilt der Vorstoß unseres Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Endlich wagt mal einer, den Mund aufzumachen und die Ideen und Vorhaben seiner Parteigenossen als wenig hilfreich zu bezeichnen.

„Eine Fassade heißt Fassade, weil sie der Straße zugewandt ist.“

Er erkennt scheinbar als einziger die Folgen einer verschärften Rechtsprechung und nennt diese auch beim Namen. So würde auch die Arbeit der Medien stark unter der Regelung leiden, da ohne ausdrückliche Erlaubnis der Eigentümer, keine Häuser oder Bilder von Personen mehr in den Nachrichten oder Zeitungen abgebildet werden dürften. Und dies würde dann doch einen extremen Eingriff in die Pressefreiheit darstellen.

Was am Ende bleibt

Wie dem auch sei, die Debatte über Datenschutz & Google wird mit Sicherheit in den nächsten Tagen wieder verhallen, um erneut im Herbst – wenn die ersten 20 deutschen Städte online gehen – auf ein Neues erklingen. Und schließlich muss für Günther Jauchs Jahresrückblick auch noch genügend Futter vorhanden sein.

Erstaunlich ist, dass die Datenschutzdebatte um einen Dienst, wie Facebook derzeit kein Wort oder eine Zeile mehr Wert zu sein scheint. Auch die immer noch aktuelle Debatte über die Erhöhung des Renteneintrittsalters oder die (bereits überschrittenen) Laufzeiten von veralteten Atomkraftwerken, geschweige denn der Klimawandel, scheinen hierzulande auch keine Rolle mehr zu spielen. Wenn die aktuelle Regierung schon nicht viel schafft, eines kann sie mit Sicherheit: Von aktuellen Brennpunkten ablenken und auf völlig nichtige Themen ablenken. Bravo, Frau Merkel, wieder einmal haben sie es geschafft durch alleiniges Stillhalten von wirklich wichtigen Themen abzulenken.

Letzten Endes bleibt mir nur noch eines zu sagen: „Ich persönlich freue mich auf Google Street View!“

Kleines Update:

Wie soeben aus den Medien entnommen, wurde eine Entscheidung bezüglich des Datenschutzes auf den Herbst verschoben, um ganzheitliche Regelungen für alle im Internet befindliche Geo-Dienste zu schaffen. Ich denke, das Kapitel kann gegen Ende des Jahres noch ein sehr Lustiges werden. Es scheint, als hätten die Vertreter des Volkes, die anderen Dienste, wie SightWalk und die Bing-Map entdeckt.

Bildquellen: aboutpixel.de / Marienplatz © Bert Spindler / Berlin-Kreuzberg 61te Ecke © Sonny Müller

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Dies ist nur ein GravatarAutor: Lars

Dieser Beitrag wurde von Lars verfasst. Nebenbei schreibt Lars auch auf seinem Blog whit3h4t.de, sofern er nicht gerade twittert (@whit3h4t) oder seiner Arbeit als SEO nachgeht.

  • Website: http://www.whit3h4t.de

6 Kommentare

  1. Marco sagt:

    Gut geschriebener Artikel. Gefällt mir!

    Ich kann die ganze Debatte um Google Street View auch nicht wirklich nachvollziehen.
    Man wird doch heute an allen Ecken von Uberwachungskameras gefilmt, zahlt überall (on- und offline) mit Karte, ist bei StudiVZ, Facebook und wie sie alle heißen registriert umd lädt fleissig Fotos hoch und hat ne Freemail-Adresse bei GMX, Web.de und Yahoo. Aber die Fassade vom der Haus und Vorgarten darf keiner sehen?

    *Kopfschüttel*

    Gibt es eigentlich noch Schweinegeippe?

  2. Tina sagt:

    Also mal ehrlich: In Zeiten, in denen die Überwachung durch Kameras an mehr oder weniger öffentlichen Plätzen durch Politiker immer weiter vorangetrieben wird, sich eine Debatte über Streetview antun lassen zu müssen, ist eine Frechheit.

    Ich freu mich auch auf Streetview. Außerdem kann durch Google Maps doch eh in jeden Garten geguckt werden, aber das wollen wir mal lieber nicht zu laut sagen.

    So. Mehr sage ich zu dem Thema nicht mehr, denn es nervt mich. Soll aber nicht den Artikel abwerten. Der hat mir gut gefallen.

    Liebe Grüße
    Tina

  3. Oli sagt:

    Das Problem ist halt das es heutzutage mit allem so ist! Nimmt man mal die Schweinegrippe die ist von einem Tag auf den anderen aus den Medien verschwunden. Genau wie die Debatte um die “Ballerspiele”. Das mit der debatte um die Atomkraft Laufzeitverlängerung wird genau so sein! Und die Diskussion um Streetview wird auch bald jeder vergessen haben.

  4. Peter sagt:

    Gute Artikel, auch ich begreife nicht warum Politiker und manche Medien so ein Theater um Street View machen. Habe erst vor ein paar Tagen ein sogenannten Experten im TV gesehen. Er meint allen ernst das die Bilder immer in regelmäßige Abstände neu gemacht werden. Welche Abstände? Er wusste es zwar nicht genau meinte aber das sicherlich alle 6 Monate Google wieder vorbeifährt und neue Aufnahmen macht.

    Wenn dies ein Experte war möchte ich kein unwissende kennen lernen.

    Ich habe selber auch ein Blog Artikel zu diesen Thema veröffentlicht vielleicht schaut manche da mal vorbei?

  5. shan_dark sagt:

    Toller Artikel und genau meine Meinung zu dem Thema. Man hat mit Streetview einen datenrechtlich wunden Punkt bei Google gefunden, und wie immer in Dtl. sieht niemand aus Politik und Medien den Nutzen – immer nur die Nachteile. Was soll denn aber passieren? Dass Einbrecher dann wissen, wie viele Schritte sie durch den Vorgarten brauchen bis zur Wohnungstür? Dass Seitensprünglinge erwischt werden, weil ihr Auto vor dem falschen Haus steht und fotografiert wurde?
    Ich kapier das alles nicht…

    Würde eine Aktion draus machen: Deutschland sucht die Superfassade. Und schon sind die Leute wieder froh, wenn ihr Haus im Internet zu finden ist…

  6. [...] Und jetzt? Kaum ist Google Street View in Deutschland fleckenweise gestartet, gehen die ersten Anfragen bei Google ein, ob man sein Haus nicht wieder entpixeln könnte. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Auf einmal merkt man, dass der anfangs so umstrittene Dienst, wohl doch nicht so böse ist, wie es zu Beginn von den heimischen Medien und öffentlichen Personen angeprangert wurde. Tja was soll man dazu noch sagen, außer „BILD dir deine Meinung“. Wer lediglich auf mediale „Hetzkampagnen“ vertraut, anstatt sich selbst einmal die Mühe zu machen und sich auf eigenem Wege über neue und kommende Dienste zu informieren, hat selbst Schuld und erntet jetzt die Früchte, welche er vorher gesät hat. Ich möchte mich auch gar nicht weiter mit der teilweisen Einfältigkeit unserer Mitbürger befassen, da ich dies schon an anderer Stelle tat: Google Street View – Deutschlands neuestes Armutszeugnis [...]

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